Leistung und Motivation

Diverse students giving high five to team
Dr. Michael Glaubitz
Dr. Michael Glaubitz

mathematik-unterrichten.de

Die Meinung, dass Motivation zu Leistung führt, ist weit verbreitet. Daher verwenden viele Lehrkräfte einen großen Teil ihrer Zeit und Ressourcen darauf, möglichst motivierenden Unterricht zu planen, und probieren alle erdenklichen Tricks aus, damit dies gelingt. Oft fallen solche Maßnahmen unter die Kategorie der „externen Motivation“, und es verwundert daher nicht, dass Erfolge bestenfalls begrenzt und nicht von Dauer sind. Intrinsische Motivation zu fördern ist in der Tat viel schwieriger. Es ist zwar schön und gut, die eigene Begeisterung für die Mathematik zu betonen, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, in dem Schülerinnen und Schüler Fehler machen dürfen, von den Vorteilen einer wachstumsorientierten Denkweise zu schwärmen und Aufgaben zu entwerfen, die für die Lernenden nachvollziehbar sind und ihnen zugleich sinnvoll erscheinen. Wenn ihnen aber das grundlegende mathematische Wissen fehlt, steht man als Lehrkraft schnell auf verlorenem Posten.

Macht man diese Erfahrung häufiger, könnte es sich lohnen, umzudenken und sich einmal vorzustellen, dass der Zusammenhang zwischen Motivation und Leistung auch andersherum sein könnte: dass also nicht etwa Motivation zu mehr Leistung führt, sondern eher umgekehrt, dass Leistung Motivation bewirkt. Es scheint zwar klar zu sein, dass die Beziehung zwischen den beiden Elementen wechselseitig ist, aber es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass die stärkere Wirkungsrichtung eher andersherum verläuft als gedacht. Das würde bedeuten, dass die Motivation nicht die Leistung bestimmt, sondern umgekehrt die Leistung die Motivation. Es gibt tatsächlich zahlreiche Studien und Veröffentlichungen, die genau zu diesem Schluss kommen:

So zeigte eine Untersuchung über Motivation und Leistung im Fach Mathematik an Grundschulen in Kanada, dass man von der intrinsischen Motivation der Schüler nicht auf deren Leistung im Fach Mathematik schließen konnte, umgekehrt aber von den Leistungen auf die intrinsische Motivation der Kinder. Eine andere Studie zur kausalen Ordnung zwischen den Selbstwahrnehmungen von Schülerinnen sowie Schülern und ihren schulischen Leistungen ergab eine erwartungsgemäß starke Korrelation zwischen den beiden Faktoren, stellte aber interessanterweise fest, dass Leistung sich stärker auf die Selbstwahrnehmung auswirkt als andersherum. Weitere Arbeiten kommen zum Ergebnis, dass die Selbstwirksamkeit (definiert als der Glaube an die eigene Fähigkeit, in bestimmten Situationen erfolgreich zu sein oder eine Aufgabe zu bewältigen) eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Motivation eines Schülers für sein Fach spielt. Selbstwirksamkeitsüberzeugungen würden demnach zwei Indikatoren für die Motivation von Schülerinnen und Schülern treffend vorhersagen, nämlich deren Arbeitstempo sowie die von ihnen investierte Energie. Diese Befunde bestätigen das Erfahrungswissen vieler Lehrerinnen und Lehrer, dass nämlich das Selbstbild der Schülerinnen und Schüler eine wesentliche Rolle für ihre Motivation spielt. 

In seinem Unterrichtsmodell zur Verringerung der kognitiven Belastung skizziert der australische Psychologe Martin praktische Strategien, die Lehrkräfte anwenden können, um die Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler zu steigern. Für den Anfangsunterricht orientieren sich diese an einem Modell expliziter Instruktion, welches viele der Hauptprinzipien der Theorie der kognitiven Belastung berücksichtigt. Martin kommt dabei zu dem Schluss, dass es einen Kreislauf gibt, der so funktioniert, dass das Erlernen und Beherrschen von Fähigkeiten die anschließende Motivation und das Engagement fördert. In seinem Bestseller „Drive“ argumentiert der amerikanische Autor Daniel H. Pink, dass die Beherrschung eines bestimmten Themas oder Konzepts eine wichtige Quelle für intrinsische Motivation sei. Nur was man beherrsche, könne wirklich Spaß machen. Je besser wir die Grundlagen beherrschten, desto weniger Anstrengung würden uns Aufgaben abverlangen und desto mehr Spaß würden sie uns machen. Schließlich stellen auch Didau und Rose in ihrem Buch „What every teacher needs to know about … psychology“ fest: „Je mehr Erfolg die Schüler haben, desto eher sind sie motiviert, sich mehr anzustrengen. Nicht die Motivation führt zu einer verbesserten Leistung, sondern die verbesserte Leistung scheint zu erhöhter Motivation zu führen“. 

Angenommen, es wäre tatsächlich so, dass Leistung – und vor allem die Wahrnehmung der eigenen Kompetenz – zu Motivation führt, – welche Folgerungen würden sich daraus ergeben? Insbesondere doch wohl jene, dass wir in unseren Planungen den Fokus vielmehr und zuerst auf Leistung und Erfolgserlebnisse legen, und weniger auf Motivation. Wir müssten unsere Schülerinnen und Schüler so unterrichten, dass sie möglichst viel lernen und verstehen können. Wir müssten Erklärungen, Beispiele und Aktivitäten auswählen, die das Lernen maximieren, und nicht solche, von denen wir glauben, dass sie aufgrund irriger Vorstellungen von Relevanz motivierend wirken würden. Und damit die Lernenden wirklich glauben, dass sie erfolgreich sein können, müssen sie Erfolge auch tatsächlich regelmäßig erleben.

Der Unterricht sollte dies anstreben. Wie könnte das aussehen bzw. was müsste sich dafür ändern? Hier eine kleine Liste von Vorschlägen:

  • Nehmen Sie eine sehr aktive Rolle im Unterricht ein und haben Sie vor allem keine Bedenken, Ihr Fachwissen einzusetzen, um explizit und verständlich zu unterrichten. 
  • Denken Sie sehr sorgfältig darüber nach, wie Sie Informationen präsentieren, damit sich das fragile Arbeitsgedächtnis Ihrer Schülerinnen und Schüler auf die wirklich wichtigen Dinge konzentriert. 
  • Bieten Sie sorgfältig geplante Erklärungen, Beispiele und Übungen an, um den Lernenden die besten Chancen zu geben, ein bestimmtes Konzept zu verstehen. 
  • Planen Sie Aktivitäten ein, die Ihren Schülerinnen und Schülern fast sofortige Erfolgserlebnisse verschaffen, die aber zugleich so herausfordernd sind, dass sie zum weiteren intensiven Nachdenken anregen. 
  • Wenn Sie einen Lernstoff einführen, wenden Sie die Prinzipien des bewussten Lernens an (Ericsson), um eine bestimmte Fähigkeit zu isolieren, zu entwickeln und zu überprüfen. 
  • Wenn Sie ein Thema wiederholen oder wieder aufgreifen, wenden Sie die Prinzipien des gezielten Übens an (Ericsson), um den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, eine flüssige Arbeitsweise zu entwickeln und gleichzeitig ein tieferes konzeptionelles Verständnis zu erlangen. 
  • Sorge Sie jederzeit für eine offene, freundliche und positive Lernumgebung, für eine Atmosphäre, in der sich die Lernenden nicht scheuen, Fragen zu stellen oder Fehler zuzugeben. 
  • Verschaffen Sie sich die Möglichkeit, in einem solchen Umfeld Missverständnisse und Fehler zu erkennen, zu verstehen und zu beheben, indem Sie die Prinzipien der formativen Testung konsequent in jeder Unterrichtsstunde anwenden – nicht zu Beurteilungs-, sondern zu Lernzwecken. 
  • Führen Sie behutsam zunehmende Schwierigkeiten und Herausforderungen in den Lernstoff ein, um die Speicher- und Abrufkraft des Wissens im Langzeitgedächtnis Ihrer Schülerinnen und Schüler zu verbessern. 
  • Sobald die Schülerinnen und Schüler ein ausreichendes Maß an bereichsspezifischem Fachwissen erreicht haben, fördern Sie ihre Problemlösefähigkeiten, damit sie ihr Wissen auf neue Situationen übertragen können. 
  • Wenn die Zeiten schwieriger werden und die Motivation sinkt – was unweigerlich auch mal der Fall sein wird – gehen Sie zurückhaltend mit externen Belohnungen um und setzen Sie sie nur als letztes Mittel ein, um die Schüler in einen Kreislauf positiver Verstärkung zu bringen. 
 

Diese Zusammenstellung sieht unspektakulär, vielleicht sogar etwas langweilig aus. Aber bedenken Sie: Ist es nicht motivierend und förderlich, in einem guten Umfeld von einer Lehrkraft, die sich für einen interessiert, unterrichtet zu werden und zu erleben, dass man etwas erreichen kann? Das ist allemal besser als ausufernder Motivations-Schnickschnack, der wirkungslos verpufft. Diese Einsicht kann sehr befreiend wirken. Sie bedeutet, dass Sie Ihre ganze Energie und Aufmerksamkeit darauf richten können, Ihren Schülerinnen und Schülern dabei zu helfen, erfolgreich zu sein und Erfolgserlebnisse zu genießen, anstatt sich bohrende Gedanken darüber zu machen, ob einzelne Aktivitäten motivierend sind oder nicht. Sie können für den Erfolg planen, nicht für die Motivation. Kurz gesagt, sehen Sie Ihre Aufgabe darin, Ihre Schüleinnen und Schüler gut zu unterrichten. Wenn Sie das schaffen, wird sich die Motivation von selbst einstellen. Erinnern Sie sich dazu an folgendes:

  • Es ist wichtig, dass Mathematik für die Lernenden von Bedeutung ist, aber mit realen Kontexte erreichen Sie das nicht unbedingt am besten. 
  • Intrinsische Motivation ist auf lange Sicht besser, aber externe Belohnungen und Sanktionen spielen eine wichtige Rolle und können dazu beitragen, die Schüler in einen Kreislauf positiver Verstärkung bringen. 
  • Die Motivation wird direkt von Leistung und Erfolg beeinflusst. Wenn die Lernenden Erfolg für möglich halten und tatsächlich regelmäßig erleben, werden sie motiviert sein.

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